Wieso gibt es überhaupt so viele Tauben in den Städten?
Stadttauben sind die Nachkommen domestizierter Haus-, Brief- und
Zuchttauben. Über Jahrtausende wurden sie vom Menschen gezüchtet und
gehalten. Entflogene, verirrte oder ausgesetzte Tiere schlossen sich
bestehenden Stadttaubenpopulationen an. Dieser Zuzug aus menschlicher
Haltung findet auch heute noch statt.
Gleichzeitig besitzen Stadttauben einen vom Menschen angezüchteten,
ausgeprägten Bruttrieb. Anders als ihre wilden Vorfahren können sie bei
geeigneten Bedingungen nahezu ganzjährig brüten und mehrere Bruten pro
Jahr aufziehen. Dieser Bruttrieb bleibt auch bei knapper Nahrung bestehen
und lässt sich nicht einfach durch Fütterungsverbote unterbinden.
Die hohen Bestände sind deshalb das Ergebnis mehrerer Faktoren:
jahrhundertelanger Domestikation, eines angezüchteten intensiven
Brutverhaltens, geeigneter Brutplätze an Gebäuden sowie des fortlaufenden
Zuzugs aus der Taubenhaltung.
Ein nachhaltiges Stadttaubenmanagement setzt deshalb nicht auf Hunger oder
Vertreibung, sondern auf betreute Taubenschläge mit kontrollierter
Fütterung, konsequentem Eiertausch und der Reduktion unkontrollierter
Brutplätze.
Mehr zu Herkunft und Brieftauben
Können die Tauben nicht einfach eingefangen und ausserhalb der Stadt ausgesetzt werden?
Nein. Stadttauben stammen von domestizierten Haustauben ab und sind durch ihre
Domestikationsgeschichte eng an den Menschen und menschliche Siedlungsräume
gebunden. Als Nachkommen der Felsentaube nutzen sie Gebäude und andere
geschützte Strukturen als Aufenthalts- und Brutplätze.
Stadttauben sind zudem ausgesprochen standorttreu. Sie orientieren sich an
ihrem gewohnten Lebensraum und versuchen häufig, zu ihrem angestammten
Standort zurückzukehren. Gelingt dies nicht, entstehen die gleichen
Konflikte einfach an einem anderen Ort.
Eine Umsiedlung löst das Problem deshalb nicht, sondern verlagert es lediglich.
Eine nachhaltige Lösung besteht darin, die Population vor Ort
tierschutzgerecht zu regulieren und die Tiere an betreute Taubenschläge zu
binden.
Mehr zu Taubenschlägen und Bestandsregulierung
Was bringt ein betreuter Taubenschlag der Bevölkerung?
Werden Tauben an betreute Schläge gebunden, verbringen sie einen grossen
Teil des Tages dort. Dadurch fällt auch ein grosser Teil des Kots im
Taubenschlag an und kann fachgerecht entsorgt werden. Verschmutzungen,
wilde Brutplätze und Nutzungskonflikte im öffentlichen und privaten Raum
können so nachhaltig reduziert werden.
Mehr zu Stadttauben und Stadtraum
Luzern hat bereits zwei Taubenschläge – warum reichen diese nicht?
In Luzern leben nach Schätzungen der Behörden rund 2'000 bis 3'000
Stadttauben. Die beiden bestehenden Taubenschläge bieten Brutplätze für
lediglich rund 180 Paare und erreichen damit nur einen kleinen Teil der
Population. Zudem findet dort keine reguläre artgerechte Fütterung statt,
wodurch ein zentraler Mechanismus zur dauerhaften Bindung der Tauben fehlt.
Mehr zum Luzerner Stadttaubenmanagement
Wie wird die Anzahl der Tauben in einem tiergerechten Stadttaubenmanagement verringert?
In den betreuten Taubenschlägen werden die gelegten Eier regelmässig
kontrolliert und im Rahmen eines systematischen Eiertauschs durch Attrappen
ersetzt. Einzelne Bruterfolge können gezielt zugelassen werden, um die
Bindung der Tauben an den Taubenschlag zu unterstützen. Die Population wird
auf diese Weise langfristig und tierschutzgerecht reguliert.
Mehr zu Eiertausch und Bestandsregulierung
Warum verabreicht man den Tauben nicht einfach die «Taubenpille»?
Die sogenannte «Taubenpille» enthält den Wirkstoff Nicarbazin.
Dieser wurde ursprünglich nicht zur Verhütung entwickelt, sondern
zur Bekämpfung der Kokzidiose eingesetzt, einer parasitären
Darmerkrankung bei Geflügel. Die vorübergehende Beeinträchtigung
der Fortpflanzung wurde als Nebenwirkung festgestellt.
Nach Herstellerangaben verhindert Nicarbazin bei kontinuierlicher
Aufnahme die normale embryonale Entwicklung befruchteter Eier.
Der Wirkstoff kann zudem die Legeleistung und die Beschaffenheit
der Eier verändern. Bei Hühnern wurden unter anderem kleinere Eier,
Veränderungen des Dotters und der Dotterhaut sowie Veränderungen
der Eierschale beobachtet. Dadurch können Fruchtbarkeit und
Schlupfrate sinken.
Damit die Wirkung anhält, müssten die Tauben das behandelte Futter
regelmässig und in der erforderlichen Dosierung aufnehmen. Bei frei
lebenden Schwärmen lässt sich jedoch kaum kontrollieren, welches
Tier wie viel davon frisst. Dominante Tauben könnten zu viel
aufnehmen, andere zu wenig. Auch andere Vogelarten könnten an das
behandelte Futter gelangen.
Hinzu kommen mögliche Nebenwirkungen. Bei Hühnern wurden unter
anderem Leberverfettung, eine erhöhte Temperaturempfindlichkeit
sowie eine verringerte Futter- und Wasseraufnahme beschrieben.
Langzeitstudien zur Verträglichkeit bei Stadttauben fehlen. Gerade
bei Hitze oder bei bereits geschwächten Tieren wirft eine dauerhafte
Verabreichung deshalb erhebliche Tierschutzfragen auf.
Die «Taubenpille» ersetzt zudem weder geeignete Brutplätze noch
Gesundheitskontrollen, die Versorgung verletzter Tiere oder die
hygienischen Vorteile betreuter Taubenschläge. Deshalb betrachten
wir sie nicht als gleichwertigen Ersatz für ein umfassendes
Stadttaubenmanagement mit kontrollierter Fütterung und
systematischem Eiertausch.
Mehr zur sogenannten «Taubenpille»
Fachinformationen zu Nicarbazin · Vetpharm UZH
Ist der Eiertausch nicht Tierquälerei?
Nein. Beim Eiertausch werden die Eier vorsichtig durch künstliche Eier
ersetzt. Die Tauben können ihr natürliches Brutverhalten ausleben, ohne
dass immer wieder neue Küken entstehen oder die Tiere durch das Entfernen
der Gelege zu erneuten Brutversuchen angeregt werden.
Für Taubenembryonen liegen bislang keine direkten Untersuchungen zum Beginn des Schmerzempfindens vor.
Erkenntnisse aus der Forschung an Hühnerembryonen sprechen jedoch dafür, dass in den ersten Tagen der
Embryonalentwicklung noch kein Schmerzempfinden möglich ist.
Der Eiertausch erfolgt in einer frühen Phase der Brut. Dadurch kann
die Bestandsentwicklung tierschutzgerecht reguliert werden, während die
Tauben ihr artspezifisches Verhalten weiterhin ausleben können.
Im Gegensatz dazu führt unkontrollierte Brut häufig dazu, dass viele
Jungtiere unter schwierigen Bedingungen aufwachsen oder verhungern. Der
Eiertausch ist deshalb eine tierschutzgerechte Methode zur
Populationsregulation.
Warum helfen Abwehrmassnahmen wie Spikes oder Netze nicht?
Abwehrmassnahmen können einzelne Gebäude schützen, lösen aber das
eigentliche Problem nicht – sie verlagern es nur. Die Anzahl der
Stadttauben in einer Stadt wird dadurch nicht nachhaltig reduziert.
Stadttauben sind ortstreu und suchen sich bei Vergrämung meist neue
Brutplätze oder andere Aufenthaltsorte.
Ein nachhaltiges Stadttaubenmanagement setzt deshalb nicht nur bei der
Verdrängung an, sondern bietet den Tieren kontrollierte Alternativen wie
betreute Taubenschläge.
Wieso fehlen so vielen Stadttauben Zehen?
Die Ursache dafür sind menschliche Abfälle wie Haare, Fäden, Schnüre oder feine Drähte. Beim Laufen
und bei der Futtersuche können sich diese Materialien um die
Zehen und Füsse der Tauben wickeln. Durch die Bewegungen ziehen
sie sich immer enger zusammen und schnüren die Blutzufuhr ab.
Das führt zu Schwellungen, tiefen Verletzungen, Infektionen und
zum Absterben des Gewebes. Wird die Verschnürung nicht rechtzeitig
entfernt, können einzelne Zehen oder sogar Teile des Fusses
verloren gehen. Dieses Verletzungsbild wird häufig als
«Stringfoot» bezeichnet.
Warum reicht ein reines Fütterungsverbot nicht aus?
Stadttauben brüten aufgrund ihrer Domestikation auch bei knappem
Nahrungsangebot weiter. Ein reines Fütterungsverbot führt deshalb nicht
automatisch zu einer nachhaltigen Verringerung der Population. Stattdessen
verstärkt es Hunger und Mangelernährung. Zusätzlich erschwert es die
gezielte Bindung der Tiere an betreute Taubenschläge.
Mehr zu Hunger und Fortpflanzung
Führt das Füttern nicht zu noch mehr Tauben?
Unkontrollierte zusätzliche Fütterung kann die lokale Taubendichte und den Bruterfolg begünstigen. Bei
einem
betreuten Taubenschlag wird dagegen gezielt und bedarfsgerecht gefüttert, während die Fortpflanzung
gleichzeitig durch systematischen Eiertausch reguliert wird. Entscheidend ist deshalb nicht «füttern oder
nicht füttern», sondern ein aufeinander abgestimmtes Gesamtkonzept.
Darf ich die Tauben privat auf der Strasse füttern?
Nein. Im ganzen Kanton Luzern ist das Füttern von Wildtieren grundsätzlich
bewilligungspflichtig. Für die private Fütterung von Stadttauben im
öffentlichen Raum wird in aller Regel keine Bewilligung erteilt.
Ein betreuter Taubenschlag verfolgt einen anderen Ansatz: Dort erfolgt die
Fütterung kontrolliert, mit geeignetem Futter und an einem definierten
Standort. Dadurch können die Tiere versorgt und gleichzeitig an den
betreuten Schlag gebunden werden.
Ein nachhaltiges Stadttaubenmanagement verbindet deshalb Versorgung,
Gesundheitskontrolle und tierschutzgerechte Bestandsregulierung, statt die
Tiere sich selbst zu überlassen.
Übertragen Tauben Krankheiten auf den Menschen?
Stadttauben stellen für die Allgemeinbevölkerung kein besonderes
Gesundheitsrisiko dar. Zwar können Tauben, wie andere Vögel auch,
Krankheitserreger in sich tragen. Die meisten dieser Erreger sind jedoch
artspezifisch und spielen für die menschliche Gesundheit keine relevante
Rolle.
Auch die häufig erwähnten Salmonellen und Viren stellen im Alltag kein
nennenswertes Ansteckungsrisiko dar. Eine Übertragung auf Menschen kommt nur
sehr selten vor und betrifft vor allem Personen mit engem Kontakt zu vielen
Tieren oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem.
Die frühere Darstellung der Stadttaube als Gesundheitsgefahr entspricht
nach heutiger wissenschaftlicher Einschätzung nicht mehr dem aktuellen
Kenntnisstand. Entscheidend ist wie bei allen Tieren ein hygienischer
Umgang mit Ausscheidungen und kranken Tieren.
Ein betreutes Stadttaubenmanagement trägt zusätzlich dazu bei, die
Gesundheit der Tiere zu kontrollieren und den hygienischen Umgang mit
Tauben zu verbessern.
Mehr zu Gesundheit und Zoonosen
Was kostet ein betreuter Taubenschlag und wer bezahlt das?
Die Kosten hängen von der Grösse, dem Standort und der Art des
Taubenschlags ab. Ein bestehender Raum kann beispielsweise günstiger
umgebaut werden als ein neu errichteter Taubenturm.
Zu den einmaligen Kosten gehören unter anderem die Einrichtung des
Schlages, Nistplätze, Futter- und Trinksysteme sowie notwendige bauliche
Anpassungen. Laufende Kosten entstehen vor allem durch Betreuung, Futter,
Reinigung und Entsorgung.
In der Regel werden betreute Taubenschläge durch die öffentliche Hand
finanziert, da sie Teil eines kommunalen Stadttaubenmanagements sind.
Möglich sind auch Kooperationen mit Unternehmen, Liegenschaftsbesitzenden
oder Tierschutzorganisationen.
Langfristig können betreute Taubenschläge Kosten reduzieren, weil
Verschmutzungen, aufwendige Vergrämungsmassnahmen und Konflikte im
öffentlichen Raum abnehmen.